Wolfgangs Beitrag aus einem Buch von 1991

Erstes Band-Foto von HERNE 3.

Die bekanntesten Herner aus dem Bereich der leichten Muse waren wir sicherlich nicht – schließlich gab es ja auch mal einen Jürgen Marcus oder eine Andrea Jürgens. Aber eines haben nur wir geschafft: Dass sich Leute im schwäbischen Wiesensteig oder die holsteinsche Landjugend Gedanken über die kommunale Neuordnung des Ruhrgebiets von 1975 machten. Was natürlich an unserem Namen lag. Und so sagten wir hunderte von Malen unser Sprüchlein auf: „Herne 1 ist Herne. Herne 2 hieß früher Wanne-Eickel und ist jetzt eingemeindet worden. Und wir kommen aus beiden Städten, wollen postalisch unabhängig bleiben -also HERNE 3“

 

Blödsinniger Name, wir hätten uns doch lieber „Koslowski“ nennen sollen. Aber da gab's in Bochum schon eine Gruppe namens „Kowalski“ (Verwechslungsgefahr) – und einen Koslowski (unseren Sänger Rainer August) schien niemand haben zu wollen: „Vielen Dank für Ihr Angebot 'August Koslowski'. Wir haben das Produkt sorgfältig geprüft und müssen Ihnen leider mitteilen, dass sich keine Veröffentlichungsmöglichkeit in unserem Hause ergeben hat.“

Absage Polydor 1982

Schrieb uns die Schallplattenfirma Polydor im September 1982 und machte das Dutzend an Absagen voll. Was uns aber nicht davon abhalten sollte, unser eigenes „Produkt“ beim Wort zu nehmen. Das Produkt war natürlich keine Kunstfigur, sondern ein recht unkompliziert gestricktes Stück Musik mit dem programmatischen Titel „Immer wieder aufsteh'n". Und dessen Refrain empfahl: „Immer wieder sagen, es geht doch!“

Das taten wir dann auch, schließlich zeichnet uns Westfalen ein gewisses Maß an Dickschädeligkeit aus. Neun Monate nach der Absage saßen wir in Hamburg bei der Polydor. Auf deren Einladung wohlgemerkt, vor uns auf dem Tisch ein Plattenvertrag, der uns ein erkleckliches Sümmchen für zwei Langspielplatten garantierte. Nicht schlecht für sechs Herren aus dem Ruhrgebiet, die allesamt die 25 schon überschritten hatten und von Image und Optik weit von den damals angesagten Teenie-Stars der neuen deutschen Welle entfernt waren. Nicht schlecht aber auch, weil diese sechs Herrschaften noch eineinhalb Jahre vorher nicht im Traum daran gedacht hatten, mal mit Musik ihr Geld zu verdienen.

Damals, Ende 1981, trafen sich die alten Schulfreunde Gerd „Theo“ Linke und Rainer August Koslowski wieder. Der eine war Berufsschullehrer und spielte in seiner Freizeit Schlagzeug und Klavier, der andere kam gerade wieder aus Berlin zurück, wo er neben seinem Studium abends mit der Klampfe als Bob Dylan-Verschnitt durch die Kneipen tingelte. Bei einem Bier (oder waren es mehrere?) entstand die Idee zur Gründung einer Band. Zwei weitere spätere Mitglieder, Gitarrist Uli Kazmierski und der Keyboarder Klaus Volker „KV“ Kapellen kamen ebenfalls am Tresen da.zu. Wozu die alte „Sonne“ an der Feldkampstraße nicht alles gut war! Mich erwischte es bei der Freiwilligen Feuerwehr, wo ich mich allwöchentlich mit Theo langweilte.

Gerd Linke, Rainer Koslowski und Wolfgang Berke im Tonstudio 1982.

Und der nervte mich „Mensch-du-als-Musikjournalist-musst-doch-einen-Bassisten-für-uns-kennen“ solange, bis ich ihm androhte, selbst mit meinem Langholz vorbeizukommen. Ich machte schließlich meine Drohung wahr – und war angenehm überrascht: Die Stücke gefielen mir, obwohl es sich dabei um nichts Innovatives, sondern um ganz konventionelle Rockmusik mit klaren, direkten deutschen Texten handelte.
Die ersten Proben liefen in Zeppos winzigem Garagen-Tonstudio auf der Eschstraße ab, bis wir in einem Sanierungsobjekt an der Blücherstraße in Horsthausen landeten. Unser freundlicher Gastgeber dort erwies sich bald als ein stets nörgelnder Proben-Beobachter, vor allem was unseren Chorgesang und die Arrangements betraf. Also bessermachen – und Fritz Magdalinski war der sechste im Bunde. Zu den Proben und späteren Konzerten kam er oft direkt von der Baustelle. Im Blaumann. Also: einmal im Blaumann auf der Bühne, immer im Blaumann auf der Bühne. Sein Markenzeichen war geboren. Das andere Markenzeichen vor. HERNE 3 war Augusts Stimme. Nicht schön, aber man kann sie unter Tausenden heraushören. Und Wiedererkennbarkeit ist schließlich die halbe Miete. Die andere Hälfte sind solides handwerkliches Können und Lieder, die die Leute hören wollen. An Hitparaden oder Fanclubs haben wir in unseren Anfangstagen noch nicht gedacht. Ich schwör's!

Spaß im Tonstudio (1984), von links: Wolfgang Berke, Gerd Linke und Uli Kazmierski.

Aber live spielen wollten wir, und eine Platte aufnehmen. Ein Freund von uns arbeitete in einem Tonstudio, und dort spielten wir die ersten „Takes“ ein, wie es so schön heißt. Die Stücke „Aufsteh' n“ und drei weitere Titel schickten wir an alle namhaften Plattenfirmen –Spaß im Tonstudio: v.l. Wolfgang Berke, Gerd Linke, Uli Kazmierski.

Resultat: siehe oben. Zwei alte Kumpel (Herner natürlich) sorgten dann dafür, dass wir doch noch zu unserem heiß ersehnten Vinyl kamen: Gerd Göllner und Volker May hatten gerade ihre Musikagentur „Energie“ gegründet und suchten Künstler, mit denen sie arbeiten konnten.
Mit uns zum Beispiel. Und weil wir gerade gut in Schwung waren, machten wir gleich eine Langspielplatte, die dann von der Dortmunder Firma „Pläne“ vertrieben wurde. Etwa zur selben Zeit gab es unseren ersten öffentlichen Auftritt bei einem Nachbarschaftsfest in einem Horsthauser Hinterhof. Wenn man etwas „multikulturell“ nennen kann, dann das: türkische Familien, deutsche Rentner, Jugendliche, Freaks und tobende Kinder – das hatte Flair. Und paßte zu uns. Schließlich hatte sich August bei seinem Stück „Hier im Ruhrpott fühl' ich mich wohl“ eine ganz ehrlich gemeinte Liebeserklärung an seine Heimat vom Herzen geschrieben. Die Kritiker haben sich später auf das Lied gestürzt wie die Hyänen: zu platt, trivial, peinlich ... unseren Zuhörern im Horsthauser Hinterhof gefiel es.
Weiter ging's – wie bei allen Hemer Bands – in der „Sonne“, wo sonst? Und damit hätte die übliche Tingelei durch Kneipen, Clubs und Jugendzentren ihren gewohnten Lauf genommen, wenn uns nicht ein weiterer Herner Zufall geholfen hätte, mit dem „Aufsteh'n“ ins Radio kam. In der WDR-Schlagerrallye wurden regelmäßig Hörerwünsche vorgestellt, und einige junge Herner Finanzbeamte hatten in Stunden der Muße Postkarten an den Sender geschickt. Ihr Wunsch wurde erfüllt, „Aufstehen“ vorgestellt, und die Sache war plötzlich nicht mehr allein ein Herner Ding. Platz Neun, Platz Sieben, Platz Vier – und dann ein Vierteljahr innerhalb der Top-Ten. Es war schon ein komisches Gefühl, sich selbst im Radio zu hören. Am irrsten war es, als ich einmal durch Düsseldorf fuhr, im Autoradio „Aufstehen“ lief, und ich an einer Ampel zufällig in den Wagen neben mir guckte. Der Typ hörte den selben Sender und sang aus Leibeskräften mit.

Klaus Volker (KV) Kapellen(†) hinter seiner Keyboard-Burg.

Nach dem Radio kam das Fernsehen: „Aktuelle Stunde“, „Teleillustrierte“, „Landesspiegel“, „Direkt“, später dann noch „So isses“ und „Popkarton“ und als Krönung in unseren Anfangstagen die „Tagesschau“. Doch! Im Bericht zum Auftakt der Recklinghäuser Ruhrfestspiele waren wir zwar nur sieben Sekunden im Bild, unsere Musik lief dann aber als Untermalung während des gesamten Beitrags weiter. Soviel Medienpräsenz (wieder so ein schönes Wort aus der Branche) hatte natürlich Folgen: Die Konzertangebote häuften sich, und wir tourten durch die Lande. Endlich der Durchbruch? Für Herner Verhältnisse ja, im nationalen Maßstab immer nur kurz davor. Und das sollte auch leider so bleiben. Woran lag's? Es gibt ein paar eherne Regeln des Showbusiness – und die hatten wir oder unsere Partner nicht befolgt:

 

1. Sei nett und sendefähig.
“Immer wieder aufsteh'n“ konnte in jeder Sendung laufen. Der Text war unverfänglich. Bei „Wofür?“, einem Lied gegen den Rüstungswahn, sah es schon anders aus: „Die Musik ist okay, aber den Text wollen die Kids vor dem Radio nicht hören“, meinte Mal Sandock von der „WDR-Hitparade“. Auch andere Sender weigerten sich, das Lied zu spielen.

2. Pflege die Eitelkeiten von Rundfunk- und Fernsehleuten.

Rockpalast Plakat 1983

Die audiovisuellen Medien sind heute das A und O für Platten- und Tournee-Erfolge. Und in diesen Medien entscheiden Menschen, die beileibe nicht frei von Eitelkeiten sind. Kostprobe? Weil „Aufsteh'n“ in der „Schlagerrallye“ von Wolfgang Neumann zuerst lief, war dessen Konkurrent Mal Sandock sauer. Als wir das nächste Lied Sandock zuerst anboten, schmollte Neumann. Dass der uns dann doch noch in eine „Rockpalast“-Fernsehsendung holte, war ebenfalls der Eitelkeit zuzuschreiben: Schließlich galt Neumann als Nachwuchsentdecker, und HERNE 3 schmückte ja nicht schlecht. Wir eckten auch bei anderen „Medienpartnern“ an: Aber nett sein um jeden Preis war nicht unser Naturell.

3. Die Plattenfirma muß voll hinter dem Künstler stehen.
Als unsere erste Single in die Hitparade kam, druckte der ehemals linke, im Charts-Geschäft völlig ungeübte „Pläne“-Verlag mal 1.000, mal 2.000 und 3.000 Exemplare der Platte nach. Die Nachfrage war aber so groß, daß sie 20.000, 30.000 oder mehr hätten nachpressen müssen. Dass wir einen zweiten Hit in Süddeutschland hatten, war „Pläne“ völlig entgangen. Wir merkten es auch erst bei einem Konzert im Stuttgarter Raum, als das Publikum bei „Wofür?“, unserer zweiten Single, begeistert mitging und mitsang. Kein Wunder: Das hier im Westen relativ unbekannte Lied war dort seit Wochen in der Hitparade! Nur „Pläne“ wusste nichts davon. Das reichte uns dann schließlich für die Trennung. Wir hatten genug von „alternativ“ und „unabhängig“ – schließlich hatten wir alle unsere Berufe aufgegeben und mußten von der Musik leben. Was nur mit Konzerten allerdings nicht möglich war, denn die Unkosten dafür waren beträchtlich: Miete von Anlage, Lkw, Lohn für Techniker, Hotel, Fahrtkosten – meist ging mehr als die Hälfte der Gage dafür drauf.
Und wir spielten uns den Arsch ab: mehr als 140 Konzerte pro Jahr. Abzüglich Urlaub, Studio- und Probe-Tagen waren wir jeden zweiten Tag unterwegs: München, Hamburg, Frankfurt, Braunschweig, Stuttgart, Oldenburg, Karlsruhe, Hannover ... So aufregend diese Zeit auch war – die ständigen Tourneen waren eine permanente Belastung für unsere Partnerschaften. Das normale Leben, der Alltag war uns fremd geworden, Freundschaften gingen kaputt – ich konnte noch nicht mal zur Hochzeit meiner Schwester. Es mußte was passieren. Wir brauchten mehr Plattenverkäufe, um weniger

Rockpalast-Aufzeichnung 1983.

zu touren, und nahmen das Angebot von der Polydor schließlich an. So leid es uns um die ansonsten wirklich netten Leute von Pläne tat.
Was wir allerdings nicht wußten, als wir uns die Hände über den gelungenen Polydor-Deal rieben: Wir kamen vom Regen in die Traufe. Der Mann, der uns zum großen Hamburger Konzern geholt hatte, machte mit uns die zweite Langspielplatte und verließ dann die Firma. Die Platte lag da und sonst nichts, denn ohne persönlichen Betreuer ist man in so einem Riesenkonzern aufgeschmissen. Nach einem halben Jahr kam endlich ein Nachfolger. Für Hitparaden-Hörer und ganz normale Musikfans ist ein halbes Jahr eine lange Zeit. Vor allem, weil der neue Mann in Hamburg von HERNE 3 etwas ganz anderes wollte. Wir sollten „mehrheitsfähig“ werden. Am besten mit einer Ballade. Also nahmen wir widerwillig die Fremdkomposition „Vier Jahre her“ auf. Schön schmusig, und die Rundfunkanstalten nahmen wieder von uns Notiz. Allerdings in den Hausfrauensendungen. Und deren Hörerinnen kaufen weniger Schallplatten als die Teenies und gehen bekanntlich nicht oft in Live-Konzerte. Zu allem Überfluss konnten uns die Rundfunkleute, die unsere kräftigeren und bissigeren Stücken mochten, „Vier Jahre her“ nicht verzeihen – wir saßen zwischen allen Stühlen.
Mit einem Lied unserer dritten Langspielplatte haben wir versucht, dieses Gefühl zu beschreiben: das Publikum auf unserer Seite, die Plattenfirma mit anderen Vorstellungen im Nacken. Die Kritiker und Rundfunkleute gespalten in zwei unversöhnliche Lager (den einen waren wir zu kritisch, den anderen zu banal), und wenn wir glaubten, wir könnten mal an irgendeinem Hemer Tresen wieder ein paar offene Worte mit alten Kumpeln wechseln, schlug uns oft der Neid entgegen. Ob Verräter an der Sache (welcher Sache?) oder Großverdiener (im Ernst: niemand von uns hat je mehr als 2.000 Mark netto monatlich in der Tasche gehabt) – wir waren in manchen Herner Augen erfolgreich.

Fertig! Nach einem Konzert 1982.

Und Erfolg ist Korruption, Ausverkauf, Unehrlichkeit. Hat man uns gesagt.
Anfangs haben mich solche Vorwürfe getroffen, später habe ich sie ignoriert. Schließlich muß ich mich nicht für etwas rechtfertigen, was wir alle gerne gemacht haben, und wozu ich auch heute noch stehe. Und so war mein Schlusspunkt bei HERNE 3 im Frühjahr 1986 eine rein ökonomische Entscheidung. Für den Aufwand, den wir betrieben haben, kam einfach zu wenig Geld rein. So banal ist das. Es gibt eine schmerzliche Erkenntnis im Showgeschäft: Du kannst fleißig sein, wie du willst. Wenn dir das nötige Quentchen Glück fehlt (und das ist nun einmal das Wohlwollen von Rundfunk-, Fernseh- und Presseleuten), sind deine Möglichkeiten begrenzt. Ohne Medienpräsenz wenig Zuschauer. Wenig Zuschauer – kleine Gagen. Für ein Hobby reicht das allemal. Zum Leben nicht. Nach vier Jahren Rock'n'Roll und weit über 300 Konzerten verließ ich HERNE 3.

 

(Aus dem Buch „Nichts ist so schön wie ...“ von 1991)